Kirche im Rotlichtviertel

Gassen- und Milieuarbeit mitten in Zürich

Freak? Paradiesvogel? Missionar? Peter Widmer ist wohl alles zusammen. Der 43-Jährige fällt schon mit seiner Kleidung aus dem üblichen Rahmen, schreibt der «Tages Anzeiger» in einem Porträt: auffällige Ledermütze, bestickte Jeans, Silberringe und Kette mit grossem Kreuz. Auf dem schwarzen T-Shirt leuchtet ein geflügeltes rotes Herz, das Logo seiner Gassen- und Milieuarbeit Heartwings (http://heartwings.ch). Das Logo basiert auf dem Bibelvers aus Maleachi 3,20: «Für euch aber, die ihr Gott vertraut wird Rettung kommen, genauso wie am Morgen die Sonne aufgeht und Heilung ist unter ihren wärmenden Flügeln.»
Seit drei Jahren durchkämmt Peter Widmer mit seiner Frau Dorothée das Zürcher Rotlichtmilieu. Sie besuchen Bars, Clubs, Salons und Parks. Nach offiziellen Angaben arbeiten zur Zeit über 4000 Sexarbeiterinnen in Zürich. Doch wie es mit der höheren Dunkelziffer ist, kann niemand genau abschätzen. Manchmal führt Peter Widmer sein Heartwings-Mobil mit, einen zur Minibar umfunktionierten Leiterwagen. Bisweilen hat er sogar einen Grill dabei. So komme er schnell mit den Frauen in Kontakt. Haben sie Vertrauen gewonnen, schauen sie schon mal bei ihm im Heartwings-Quartier mitten im Rotlichtviertel vorbei.
Finanziert vom gemeinnützigen Verein Heartwings, laden an der Langstrasse 62 drei Räume zu Gesprächen und zum Relaxen ein. Widmer ist als Seelsorger unterwegs. Ziel sei es, dass sich die Frauen mit Vergangenheit und Umfeld zurechtfinden, Hoffnung schöpfen und Frieden finden auf der spirituellen Ebene. Der gelernte Mechaniker kann es gut mit randständigen Leuten; er ist selber ein Aussteiger: In den Neunzigerjahren brach er mit seiner Frau nach Tansania auf. Das Ehepaar ermutigte die Frauen zum Aussteigen und brachte sie teilweise in einem Haus mit betreutem Wohnen unter.
Nach sechs Jahren kehrten die Widmers in die Schweiz zurück. Der sanfte Mann mit harter Schale liess sich, berufsbegleitend, am Institut für Gemeindeaufbau und Weltmission (IGW) zum Pastor ausbilden. Zwei Jahre arbeitete er bei der Securitas, dann als Pastor einer Pfingstgemeinde in Horgen – und wurde erneut zum Aussteiger, der den Anzug mit der Lederkluft tauschte. «Ich wollte raus aus der Kirche und zu den Leuten auf der Strasse», sagt Widmer, «weg von der Kanzel ins Rotlichtmilieu.»
Herzlich, Markus Baumgartner
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